Total gesund

Juli Zeh auf der Frankfurter Buchmesse 2018 –  (Wikimedia)

 Juli Zehs „Buch der Stunde“

Randomhouse

Das Buch der Stunde wurde Juli Zehs 2009 erschienener Roman Corpus Delicti. Ein Prozess genannt. Damals war gerade die Schweinegrippe überstanden. Inzwischen hat sich das „Corpus Delicti“ knapp 400.000 mal verkauft, ist zur Schullektüre für die Oberstufe geworden und zu Corona-Zeiten nicht weniger aktuell. 2020 hat Juli Zeh deshalb auf den Erfolg des Buchs reagiert und ein zweites mit dem Titel Fragen zu Corpus Delicti herausgebracht, das ihre dystopische Vision auf eine Gesellschaft in der Mitte der 21. Jahrhunderts erläutert. Corpus Delicti ist ein politischer Kriminalfall mit Anleihen beim Gerichtskrimi. Vieles liest sich wie bei Orwell – auch hier gibt es böse Mächte, Liebe (bei Zeh geschwisterliche) und scheiternde Helden. Ich muss gestehen, dass ich von der literarischen Qualität nicht gerade begeistert bin – oder anders gesagt, die Geschichte hat mich nicht „reingezogen“ und nicht dazu gebracht, mit den handelnden Figuren „mitzuleiden“. Vieles kam mir allzu „künstlich“, konstruiert und überzogen vor. Das haben auch andere Kritiker so gesehen. Auf Rainer Moritz wirken „viele der Figuren“ „zu papieren“ und auch bei ihm „rührt sich schon nach wenigen Kapiteln Unmut darüber, mit welch bescheidenen literarischen Mitteln Juli Zeh ihr Ziel verfolgt“. Vielleicht nennt Evelyn Fischer „das Buch der Stunde“ deshalb auch zurecht eine „philosophische Novelle“, der es eben weniger um die „Lebendigkeit“ der Figuren und ihre Geschichte geht, als vielmehr um die dystopische Sache, die „irgendwie“ in der Tradition Orwells steht sich davon aber ganz entscheidend abhebt.

1984 und die Schöne Neue Welt

Flickr

Orwells 1949 erschienener Roman 1984 spiegelt die Erfahrungen des Totalitarismus, des Faschismus und nicht zuletzt des Stalinismus und entspringt dem fassungslosen Staunen, dass eine „aufgeklärte“ Gesellschaft vollständig „verwahrlosen“ und der Widerstand gegen „totale“ Herrschaft komplett gebrochen werden kann. Dem Unerklärlichen kann Orwell nur mit dem Appell begegnen: “Don’t let it happen. It depends on you.”

Anders schon in Aldous Huxleys Schöne neue Welt von 1932. Die totale Herrschaft der neuen Welt verdankt sich dort dem Massenkonsum: Die neue Zeitrechnung beginnt mit der Fließband-Produktion des Ford T-Modells. Alles ist Massenproduktion und macht die Konsumenten zur willfährigen Masse. „Sex sells“ und stellt ruhig. Alle sind promiskuitiv „glücklich“ und durch die Glücksdroge Soma in wonnigen Dämmer gerückt. Freilich gibt es deutliche, unleugbare Zeichen der Herrschaft: ein eugenisches Kastenwesen, das nicht ohne Fehler ist – bei der Geburt aus der Retorte, dem sogenannten „Entkorken“, kann es zu unerwarteten Abweichungen kommen – und die notwendige Kontrolle über die Suggestion der Hypnopädie, die sicherstellen muss, dass Menschen „ihr Sklaventum lieben“. Menschen ergeben sich, weil sie viel von dem bekommen, was sie wollen und deshalb von dem absehen, was ihnen dabei abgeht.

Die Utopie der Borg

Borg-Drohne – Flickr

Diesem Prinzip folgt auch eine dystopische Version des menschlichen Wissensstrebens. Wissen ist Macht und beides will unbedingt erweitert werden. Dem folgen die Borg. Die Borg sind eine Specie bei Star Trek und laut Captain Janeway vom Raumschiff Voyager, „die destruktivste Macht, der wir je begegnet sind“. Die Borg sind Mischwesen aus einem lebendigen Organismus und implantierter Technologie. Mechanische Erweiterungen und implantierte Nanotechnologie steigern die Fähigkeiten der einzelnen Organismen zu einem großen Wissens- und Handlungsganzen. Bei ihrer ersten Begegnung machen sie den Eindruck eines totalitären Regimes. Von Herrschaft kann freilich nicht gesprochen: alle Borg sind Teil eines kollektiven Bewusstseins (Hive-Bewusstsein), das nach Perfektion strebt. Alle sind mit allen im ständigen Austausch. Sie perfektionieren sich (und die Welt), indem sie das Wissen, das sie in der Welt vorfinden „assimilieren“- sie nehmen das Wissen und die Erfahrungen anderer Species auf und machen sie zum Teil ihres Hive-Bewusstseins. Sie folgen dabei einer durchaus vertrauten Mission: „Organize the world’s information and make it universally accessible and useful.“ (Google) – vermutlich auch mit den entsprechenden Google „values“: „Great isn’t good enough“, „Fast is better than slow”, “There’s always more information” und “The need for information crosses all borders”… ähm … species! Für die Borg ist es deshalb nicht recht verständlich, warum Spezies sich immer wieder abgeneigt zeigen, assimiliert zu werden. Sie bekommen schließlich unvergleichlich mehr als sie selbst zum Ganzen beitragen. Ist es nicht das Beste was überhaupt geschehen kann, Teil einer allumfassenden Wissensgemeinschaft zu sein, die die Welt herrschaftsfrei perfektioniert? In einer Folge von Raumschiff Voyager (Staffel 5, Folge 96) entsteht auf Grund eines Unfalls ein Lebewesen (eine Drohne), das halb Mensch halb Borg der Versuchung des Hive-Kollektiv ausgesetzt ist. Es kann die Borg hören und fühlt sich sofort durch ihre unheimliche Kraft angezogen: „Das Kollektiv ruft mich… Milliarden Stimmen sprechen wie mit einer. … Ich wünsche den Hive-Geist zu erleben.“ Die Welt der Borg wird durch Information beherrscht. Es gibt eigentlich keine bösen Mächte und totalitären Herrschaftsansprüche. Das Handeln der Gemeinschaft wird nur durch das Streben nach Wissenszuwachs geleitet, der dann nach bestem Wissens- und Informationsstand auch genutzt wird. Wunderbar, oder?

Inzwischen sind wir den Borg mit unseren dank Google & Co total vernetzten smart phones und smart cities und smart homes ein Stück näher gekommen. Mit abgeklemmten Geräten fühlen wir uns so isoliert wie die Borg-Drohne, die vom Kollektiv getrennt die Stille des Off-Line-Seins nicht ertragen kann. Natürlich darf man zweifeln, ob uns die allgegenwärtige Informationstechnologie tatsächlich unser Wissen über uns und unsere (Lebens-)Welt erweitert hat (Daten sind kein Wissen) oder sie zum Verschwinden gebracht hat (software eats the world).

Das einzige was diesem nahezu perfektem Ganzen entgegengestellt werden kann ist die unvollkommene, zu Krankheit und Irrtum neigende Individualität, die im allgemeinen Ganzen nicht aufgeht und dem Hive fremd bleibt.

Gesundheit mit METHODE

Während die Borg noch ein klar dystopisches Outfit zeigen, führt uns Juli Zeh in eine Welt, die ganz von dem bestimmt wird, was wir uns fast täglich gegenseitig wünschen: Gesundheit. „Das Wichtigste ist doch die Gesundheit“ heißt es vor allem unter lebenserfahrenen älteren Damen und Herren. Der Gesunde hält sie für selbstverständlich und merkt erst in der Krankheit, wie wichtig sie für das Leben ist. In der in Corpus Delicti beschriebenen Welt wird Gesundheit zum maßgeblichen Ziel der politischen Gemeinschaft. Im Standardwerk des Chefideologen Heinrich Kramer, Gesundheit als Prinzip staatlicher Legimitation, heißt es denn auch: „Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon.“ Gesundheit muss gefördert und erhalten und die Krankheit durch strikte Prävention vermieden werden. Krankheiten, die wir nicht bekommen, brauchen wir auch nicht zu heilen. Rauchen macht krank, Mit-Rauchen auch. Also verbieten wir es. Gleiches gilt für andere „toxische Substanzen“ (z.B. Kaffee und Alkohol). Deren „Missbrauch“, was so viel heißt wie deren „Genuss“ wird unter Strafe gestellt. Überhaupt wird die Ernährung wissenschaftlich ausgerichtet [– hier kommen wieder die Borg ins Spiel] und der gesamte Stoffwechsel überwacht (z.B. durch einen Gesundheitschip der inzwischen implantiert wurde und nicht mehr via Apple-Watch am Handgelenkt getragen werden muss). Zu wenig sportliche Bewegung macht schlaff und schwächt das Herz-Kreislauf- und das Immunsystem, also verordnen wir ausreichende, selbstverständlich risikoarme Bewegung. Das ganze Leben wird unter gesundheitliche Überwachung genommen – der Kontakt mit bakteriell oder viral kontaminierten Stoffen wird vermieden – wozu natürlich auch der Austausch von Körperflüssigkeiten jeglicher Art zwischen den Geschlechtern gehört. Deshalb muss auch hier auf die richtige „Paarung“ geachtet werden: die Immunsysteme von Individuen können sich ergänzen oder sie können sich schwächen. Wer wollte schon, dass Liebe krank macht – und wenn wir durch borgschen Google-Eifer zu der (wissenschaftlichen) Einsicht gelängen, dass uns der Kontakt zu bestimmten Personen gesundheitlich schaden könnte, warum sollten wir dann ihnen gegenüber nicht auf social distancing achten?

Das wissenschaftliche Präventionssystem wird METHODE genannt und beherrscht alle Lebensbereiche und alle staatlichen Einrichtungen. Der Chefideologe Kramer formuliert, was alle glauben: „Der methodenrechtliche Anspruch auf Gesundheit ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit.“ Nur einige wenige scheint es zu geben, die sich für sich gegenüber der allgegenwärtigen METHODE Freiräume wünschen, die freilich nicht gewährt werden. Von den um die Gesundheit der Bevölkerung besorgten Methodisten werden sie als Anhänger der „R.A.K“ behandelt., einer vermuteten Widerstandsgruppe, die ein „Recht auf Krankheit“ fordert. „Die METHODE hat sich der Probleme angenommen und sie gelöst… Daraus folgt logisch: Wer die METHODE bekämpft, ist ein Reaktionär.“ 2020 würden wir wohl von einem (anti-methodischen) Verschwörungstheoretiker sprechen.

Gesundheit als höchstes Gut

Natürlich wissen wir, dass Gesundheit nicht alles ist. In der philosophischen Tradition wurde zwischen äußeren (Reichtum), leiblichen (Gesundheit) und seelischen Gütern (Weisheit) unterschieden und der Gesundheit keineswegs die maßgebliche Rolle für eine gelungene Lebensführung zugewiesen. Man kann gesund „unglücklich“ sein (z.B. als Club-Fan) oder gerade krank eine vorbildliche und der Würde des Daseins gerecht werdende Haltung zeigen. Platon führt in der Politeia Herodikos als abschreckendes Beispiel an: er versuchte durch Gymnastik und Heilkunst den Ausbruch von Krankheit zu verhindern „und lebte so, ohne sich mit etwas anderem zu tun zu machen, immer an sich kurierend fort … und so brachte ihn seine Kunst in einem schweren Sterben bis zu einem hohen Alter“ (Pol. III).

Und doch scheint Gesundheit für uns zu einem alles bestimmenden Wert zu werden. Bereits 1975, also gut 30 Jahre vor Juli Zehs Roman, hat Robert Spaemann in dem Aufsatz „Die Totale Gesundheit“ auf diese Entgrenzung des Gesundheitsbegriffs hingewiesen. Er verweist auf den maßlosen Gesundheitsbegriff der WHO, wonach Gesundheit der „Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“ sei „und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ („Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“). Just dieser Begriff ist auch die Grundlage für die in Corpus Delicti beschriebene Dystopie und wird dort – ziemlich konsequent – zum „natürlichen Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik“. Diese „exzessive Ausweitung des Gesundheitsbegriffs“ (Spaemann) gibt dem Gesundheitsexperten ganz neue „Aufgaben“ und Verantwortlichkeiten – nämlich neben dem körperlichen auch für das „völlige (!) seelische und soziale Wohlbefinden“ zu sorgen. Das ist „ungefähr das, was in der Tradition der politischen Philosophie und der Theologie einmal ’das höchste Gut’ geheißen hatte“ (Spaemann). Damit ändert sich die Rolle des Arztes: „Der erweitere Gesundheitsbegriff, der den Arzt allzuständig macht, nimmt ihm in Wirklichkeit seine besondere Zuständigkeit und macht ihn zum Funktionär einer öffentlich verwalteten ’Glückseligkeit’.“ (Spaemann) Und das liegt, wie Spaemann sehr bestimmt sagt, „zweifellos im Interesse aller totalitären Gesellschaftsplaner.“ Die METHODE von Zehs dystopischer Welt ist also in der Gesundheitsdefinition der WHO bereits angelegt.

Die „Infodemie“ von Drosten & Co

Wie sehr sich die heutigen Vertreter der Gesundheits-METHODE den Chefideologen Kramer aus Zehs Zukunftsvision ein Beispiel nehmen, zeigt sich in einem offenen Brief, den 100 Gesundheitsexperten aus aller Welt am 7. Mai als ganzseitige Anzeige (!) veröffentlicht haben und den auch der deutsche Chefideologe, ähm sorry, -virologe natürlich, Christian Drosten unterzeichnet hat – und selbstredend auch die flexible Expertin Melanie Brinkmann. Darin heißt es:

Als Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger/innen und Gesundheitsexpert/innen aus der ganzen Welt müssen wir jetzt Alarm schlagen. Es ist unsere Aufgabe, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen.“ Aha! Jetzt medizinisch? Oder sind Drosten & Co jetzt Teil der Polizei, der Streitkräfte oder des Verfassungsschutzes? Ja, nee, die epidemiologische Aufgabe ist viel weiter als wir es zunächst vermuten: „Wir haben es in diesem Moment allerdings nicht nur mit der COVID-19-Pandemie zu tun, sondern auch mit einer weltweiten ‚Infodemie‘, bei der durch Fehlinformationen, die sich in den sozialen Medien viral (!) verbreiten, auf der ganzen Welt Menschenleben gefährdet werden.“ Gibt es für die „Infodemie“, die Drosten & Co beklagen, eigentlich gesicherte Infektionszahlen? Wurde der Test dafür wieder in der Charité entwickelt und ist der diesmal zertifiziert? Wie hoch ist die Lethalität bei den Informationsviren, die „auf der ganzen Welt Menschenleben“ gefährden und wie wurde sie berechnet? Oder sind die Zahlen wieder so überzeugend geschätzt wie bei der Schweinegrippe und beim Killervirus SARSCoV-2?

Drosten & Co steigern sich jedenfalls langsam. Es ist von einer „Flutwelle an falschen und irreführenden Inhalten“, dann von „Fehlinformationen“ die Rede, dann von „Desinformation“ (es ist übrigens „ein Ausbruch von Desinformation“ also schon was Epidemiologisches!) und schließlich von „Lügen“.

Falsche bzw. irreführende Inhalte zu veröffentlichen ist freilich etwas anderes als Lügen. Es ist vergleichsweise einfach, zu zeigen, dass etwas (sachlich) falsch oder irreführend ist (also z.B. dass Kokain ein Heilmittel ist). Damit wäre nicht gezeigt, dass gelogen wurde. Lügen haben nur ein subjektiv „vermitteltes“ Verhältnis zur Wahrheit: nicht die Falschheit einer Aussage macht sie zur Lüge, sondern die Absicht des Lügenden, zu täuschen und etwas aus seiner Sicht Falsches als wahr zu behaupten. Wer also sagt, dass Kokain ein Heilmittel sei, mag sich irren; er lügt erst, wenn er glaubt, es sei keines – unabhängig davon, ob es nun eines ist oder nicht. (Ist das eigentlich eine Verschwörungstheorie, in (vermeintlich) falschen Aussagen bösartige Lügen zu sehen? Nee, oder?)

Gegendarstellungen reichen den besorgten Gesundheitsexperten aber natürlich sowieso nicht. Auch das Löschen der durch Drosten & Co als lebensgefährlich gebrandmarkten Inhalte genügt keinesfalls. Denn die Fehlinformation wurde ja schon verbreitet und verbreitet sich vielleicht sogar „asymptomatisch“, also ohne ausdrücklichem „Likes“-Husten oder hinterlassenen fiebernden Kommentaren weiter. Nach Drosten & Co ist es skandalös und geradezu lebensgefährlich, dass wir „einen Beitrag sehen können, bevor er [durch wen?] auf Fakten geprüft und gekennzeichnet wurde“. Die Technologieunternehmen werden deshalb aufgefordert „systematisch aktiv zu werden“: sie sollen „ihre Algorithmen entgiften“(!) und sie müssen sicherstellen, dass die „Richtigstellungen“ all die erreichen, die „mit Gesundheits-Fehlinformationen in Berührung (!) gekommen“ sind: „ALLE Nutzer [Hervorhebung im Original!], die solchen Inhalten zum Opfer (!) gefallen sind,“ sollen gewarnt und allen „rückwirkend Richtigstellungen mitgeteilt“ werden. Das heißt wohl ein Tracing auf „Berührung“ und Durchleuchtung des „Krankheitsverlaufs“ sprich des Nutzungsverhaltens. Und wie wollen Drosten & Co sicherstellen, dass die lebensrettenden Richtigstellungen auch wirklich gelesen und verstanden werden? „Wiederholungstäter“ könnte man vielleicht noch mit einem kleinen Test „unterstützen“ und bei einer bestimmten Fehlerquote auf Drostens Podcast verpflichten?

Werden nun auch alle, die mit Frau Professor Brinkmann „in Berührung“ gekommen sind, kontaktiert, um zu untersuchen, welche Gesundheitsschäden sie von ihr (vermutlich tatsächlich absichtlich) verbreiteten Fehlinformation bei den inzwischen maskierten Opfern hinterlassen haben? Ich gestehe: bei mir sind die Folgen inzwischen „symptomatisch“ und intensiv.

Gefährlich ist das ganze „Infodemie“ Geschehen weil die viralen Inhalte sich über mehrere hunderttausend oder gar ein paar Millionen Klicks (in Summe) gefährlich verbreiten. Wie wenige Zuschauer hat dagegen eine „normale“ Tagesschau? Ach ja, im Schnitt nur gut 9 Millionen – das ist natürlich ein ungleiches Spiel. Das macht dann in Summe pro Monat nur irgendwas zwischen 20 und 30 Millionen „Anteilnahmen“ und im Jahr … na ja, jedenfalls ein bisschen mehr als mancher Verschwörungstheoretiker sich träumen lässt. Ich vermute mal, dass auch die Social Media Auftritte der Öffentlich-Rechtlichen ein anderes „Ausbruchsgeschehen“ mit einer deutlich höheren Reproduktionszahl zeigen als die von Drosten & Co verfolgte Lügen-Epidemie.

Die Unternehmen sollen „gefährliche Lügen sowie diejenigen Seiten und Gruppen, die sie verbreiten, in den Benutzer-Feeds“ herabstufen und das heißt wohl bewusst manipulieren. Drosten & Co wirft den Unternehmen vor, dass sie sich mehr darauf „konzentrieren …, die Benutzer online zu halten, als ihre Gesundheit zu schützen.“ „Technologieunternehmen …sind dafür verantwortlich, der tödlichen [!] Verbreitung von Fehlinformationen entgegenzuwirken, um zu verhindern, dass soziale Medien unsere Gesellschaft kränker machen“. Es geht allen Ernstes darum, „Leben zu retten“, indem die Technologieunternehmen das Vertrauen in die wissenschaftlich fundierte Gesundheitsversorgung wiederherstellen.

Orwells Propagandaministerium Minitrue ließe grüßen („Zensur ist Wahrheit“, „Wahrheit ist Zensur“), wenn es das in der Welt der Gesundheit noch bräuchte. Orwell war bei seinem Roman wohl stark von dem 1941 erschienenen The Managerial Revolution von James Burnham beeinflusst. Darin beschreibt er den Übergang zu einem neuen Gesellschaftsmodell, indem die politische Macht an Manager übergeben wird, einer Expertokratie: „Administratoren, Experten, leitende Ingenieure, Produktionsleiter, Propagandaspezialisten und Technokraten“ übernehmen danach die politische Herrschaft. Auch in der „postpolitischen Hygienegesellschaft“ der METHODE gibt es nicht abschaltbare „telescreens“, wie wir sie aus Orwells 1984 kennen. Dort freilich sind sie Teil einer sichtbar gemachten Bedrohung. In der Gesundheitsgesellschaft eines Herrn Kramer ist „Big Brother is watching you“ keine Drohung, sondern ein Versprechen – die wiederholte Bekräftigung der Verantwortung der „methodischen“ Experten für die Gesundheit der Bürger, die die Bürger – in übergroßer Mehrheit auch würdigt. Kramer ist ein Medien-Mann, einer der „Ordnung“ im Kopf schafft.

Überwachen und Strafen

Der „Methodist“ Kramer spricht im Roman „von Viren, die Unsauberkeit und Unsicherheit für sich zu nutzen wissen und den Einzelnen wie die Gesellschaft befallen. Heutzutage, sagt er, bestünden die gefährlichsten Viren nicht mehr aus Nukleinsäuren, sondern aus infektiösen Gedanken. … Die METHODE als Immunsystem des Landes, fährt er schließlich fort, habe das aktuell grassierende Virus bereits identifiziert. Es werde vernichtet.“ Gemeint ist das R.A.K.-Virus und seine vermeintlichen Träger. Jede R.A.K. Lüge muss bekämpft werden.

Ist Drosten & Co eigentlich klar, dass sie mit ihrer Behauptung über tödliche Lügen Strafanzeige wegen vorsätzlicher Tötung stellen und damit die Verurteilung und Inhaftierung der Lügner fordern (müssten)? In ihren Augen handelt es sich ja nicht um eine offene Diskussion von Meinungen wie z.B. mit SARSCoV-2 Infektionen umgegangen werden sollte, sondern um eine bewusste (lügnerische) Täuschungsabsicht mit tödlichem Ausgang. Hier ist die Trennlinie zwischen nach Drosten & Co „vertretbaren“, erlaubten, „nicht-tödlichen“ Positionen und solchen mit strafrechtlichem Charakter wohl fließend: einige (namhafte) Kollegen dürfen vielleicht abweichende Meinungen haben (Ioannidis, Tegnell, Allerberger), während andere als unwissenschaftlich gelten (Streeck, Püschel) und wieder andere, die als „falsche Experten“ bezeichnet werden, „unverantwortlich“ handeln?

Manchmal ist es schwierig zwischen der Corona-Realität 2020 und der dystopischen Vision zu unterscheiden. Ist der folgende Satz einer der Zeh’schen Fiktion oder einer der Drosten & Co Realität?: „Wenn wir aufhören, gemeinsam an Sicherheit und Sauberkeit zu arbeiten, gibt es binnen weniger Wochen eine [neue, zweite] Epidemie.

Michel Foucault – Wikimedia

Aus Sicht der „methodischen“ Gesundheitsexperten gehört also auch der Kampf gegen „infektiöse Gedanken“ zu ihren Aufgaben. Was sich über lange Zeiträume unbemerkt entwickelt, wird schließlich beim Auftreten einer Pandemie offenbar. Michel Foucault hat das im Klassiker „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ (1975, dt. 1976) an Hand der Pest-Seuche eindrucksvoll beschrieben (III.3). Tritt in einer Stadt die Pest auf, werden die Bürger im Raum „rigoros parzelliert“, eingeschlossen und „lückenlos registriert“. Ziel ist und muss sein (!): die „lückenlose Überwachung“. „Auf die Pest antwortet die Ordnung, die alle Verwirrungen zu entwirren hat: die Verwirrungen der Krankheit, welche sich überträgt, wenn sich die Körper mischen … Die Ordnung schreibt jedem seinen Platz … vor: kraft einer allgegenwärtigen und allwissenden Macht, die sich einheitlich bis zur letzten Bestimmung des Individuums verzweigt…. Der Pest als … Unordnung steht als medizinische und politische Antwort die Disziplin gegenüber. Hinter den Disziplinarmaßnahmen steckt die Angst vor den ’Ansteckungen’, vor der Pest, vor den Aufständen, vor den Verbrechen … [wir könnten heute sagen: vor dem zusammenbrechenden Gesundheitssystem].“ Kein böser Wille verschworener dunkler Kräfte, sondern die Pest erzwingt Disziplinierung. Und so wartet die bürokratische Expertokratie auf die Pest, sehnt sie förmlich als Bewährungsprobe herbei: „Die Pest (jedenfalls die zu erwartende) ist die Probe auf die ideale Ausübung der Disziplinierungsmacht. Versetzen sich die Juristen in den Naturzustand, um die Rechte und Gesetze in der reinen Theorie funktionieren zu lassen, so träumten die Regierenden vom Pestzustand, um die perfekten Disziplinen funktionieren zu lassen. Im Hintergrund der Disziplinierungsmodelle steht das Bild der Pest …

Die Pandemie ist die Stunde der Epidemiologen, der Macher und Retter. Neben der Erweiterung des Gesundheitsbegriffs wurde richtungsweisend auch die Definition geändert, was unter einer Pandemie zu verstehen ist: 2003 hieß es noch: „An influenza pandemic occurs when a new influenza virus appears against which the human population has no immunity, resulting in several, simultaneous epidemics worldwide with enormous numbers of deaths and illness [Hervorhebung HL].” und wurde dann 2009 entscheidend verkürzt: “An influenza pandemic may occur when a new influenza virus appears against which the human population has no immunity.”)

Mia Holl, die Heldin und unfreiwillige Widerständlerin gegen die METHODE formuliert schließlich in Corpus Delicti folgende Souveränitätserklärung: „Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. … Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert. … Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt. Ich entziehe Eltern das Vertrauen, die ein Baumhaus „Verletzungsgefahr“ und ein Haustier „Ansteckungsrisiko“ nennen. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst.

So weit müssen wir erst noch kommen.

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