Flexible Experten

Platon – wusste schon viel über Epidemiologie

Etwas können ist schon gut. Zumindest zu wissen, wie’s geht. Das aber genau. Genau zu wissen, wie’s geht und steht, das macht den Experten aus. Ach wär’ ich nur einer! Aber zum Glück haben wir ja viele davon. Und sie sind sich meist einig – denn die andern dürfen wir nicht als Experten zählen. Diese anderen Experten sind nur „sogenannte“: sie sind meist emeritiert, arbeiten nicht „sauber“ oder haben falsche „Vormeinungen“. Manche sollen sogar „Verschwörungstheoretiker“ sein? Um Himmels Willen. Aber lassen wir das.

Platon, „mein“ Platon, hält von Experten nicht so viel. Na ja, das ist so auch wieder falsch. Er relativiert ihr „Wissen“. Platon unterscheidet das technische Wissen vom guten Handeln. Der „gute“ Arzt weiß nicht nur, wie man einen Patienten heilt, er weiß auch besser als andere, wie man ihm schadet oder gar schnell und sicher umbringt (- man muss da nicht gleich an Zyklon B denken, das würde zu impfkritisch klingen, wo wir doch jetzt auf die Pharmakonzern-Erlösung hoffen – das ist taz-Sache! Links, anti-rassistisch, anti-irgendwas … aber COVID-19 geimpft – danke, danke Roche, Merck&Co, Novartis … „kyrie eleison“, wir haben Euch viel zu lange vernachlässigt, rettet uns bitte trotzdem).

Der „gute“ Arzt muss vor allem „guter“ Mensch sein, damit er wirklich ein „guter“ Arzt sein kann. Fürs „gute“ Leben ist nicht nur das Wissen ums Gute entscheidend; gelungen lebt einzig, wer nach diesem Wissen handelt. Experten sind (vielleicht) „effektiv“ und „effizient“ – sie sind nicht unbedingt „moralisch“. Das Wissen des Experten, was man alles anstellen könnte, bleibt ohne das Wissen, was man wirklich machen sollte, schlicht gefährlich.

Aber unabhängig von den „bösen“ Absichten, die so manchen Experten haben könnten – unsere ja nicht –, was , wenn sie sich dann auch noch täuschen, unsere Experten. Kann ja jedem mal passieren. Die Schweinegrippe, das haben sie 2008/2009 falsch eingeschätzt – so sieht’s im Moment aus. Also für die Laien. Die Experten wissen natürlich, dass man nachher immer schlauer ist und sie haben ganz viele gute Gründe, warum sie sich getäuscht haben und das gar nie nicht wissen konnten. Stichwort: Kreuzimmunität. Aber ich bin ja kein Experte, leider.

Wer unseren Experten „vorwirft“, sie hätten sich getäuscht, der ist „populistisch“ und versteht gar nicht wie Wissenschaft funktioniert. Sie ist nämlich „fallibilistisch“. Also jedenfalls dann, wenn man sich getäuscht hat. Aber auf keinen Fall vorher. Nein. Vorher ist sie „alternativlos“ – bestes Wissen und immer auch Gewissen.

Am 12. März trat Boris Johnson vor die Presse, flankiert von dem „chief scientific officer“ und dem „chief medical officer“ der Regierung und betonte, dass die Entscheidung der Regierung „was in accordance with the best scientific evidence”. Das hieß kein Lock-down. Er konnte sich auf die crème de la crème berufen, das Imperial College London und die London School of Hygiene and Tropical Medicine. Am 18. März verkündigte Boris Maßnahmen des Lock-down – natürlich nicht ohne den Hinweis, er sei „in accordance with the best scientific evidence“. Die Experten sahen jetzt etwas anders aus – aber sie waren schon noch als Experten zu erkennen. Und die da vorher standen hatten sich „wissenschaftlich weiterentwickelt“.

Für Experten ist ihr Fehler also gar keiner. Es ist Wissenschaft! Wissenschaft lebt vom Irrtum. Genau! Experten sind nur wissenschaftliche Experten, wenn sie ihre Behauptung falsifizieren! Es gibt keine bessere Bestätigung für ihre Glaubwürdigkeit als das Eingeständnis, dass sie falsch liegen. (Und was ist das bisschen Shutdown für echten Erkenntnisgewinn.) Nur Verschwörungstheoretiker haben immer Recht – also jetzt subjektiv … und „sogenannte“ Experten liegen immer falsch, das hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern damit, dass sie eben nur „sogenannte“ Experten sind. Gut, dass wir euch haben – da sind wir sicher fallibel.

Und natürlich hat sich das Expertenwissen auch in dieser Pandemie „angepasst“: Exponentielles Wachstum gab’s nie – nirgendwo. Infektions-/Testzahlen wurden Schritt für Schritt „bereinigt“, Lethalitäts- und Infektionsraten wurden dann doch „korrigiert“ (– bei den weltweit am heftigsten betroffenen Gebieten z.B. in New York liegt derzeit die Lethalität bei ca. 0,18% und unterscheidet sich drastisch von den prognostizierten 2-3% – als Hendrik Streek mit vorsichtigem Vorbehalt 0,37% in die Diskussion brachte galt er als völlig indiskutabel – eben nur ein „sogenannter“ Experte). Die Reproduktionszahl war ein kritischer Wert – ein paar Tage lang. Inzwischen kümmert sich darum kaum jemand mehr – weil das mit der Testqualität und den Testzahlen … na ja, so ist das halt mit der Wissenschaft unserer Experten. („Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält“ – übrigens fährt meine Oma auch im Hühnerstall Motorrad …)

Ein schönes Beispiel ist die Maske. Da haben wir so viel gelernt. Zunächst als völlig ungeeignet abgelehnt, wurde sie schließlich erwogen und dann Pflicht. Toll. Die Welt ist ein einziger Fortschritt. „Es geht voran, Geschichte wird gemacht!“ Ergebnis von Studien und Reihenuntersuchungen? Na ja, nicht direkt. Das Virus bleibt immer noch 0,16 Mikrometer und die Poren-Größe von „normalen“ Masken dagegen bei 0,3 Mikrometer – von der normalen (= fragwürdig „unsachgemäßen“) Behandlung der Masken mal abgesehen. Die Meinung ist auch immer noch sagen wir mal „geteilt“: es gibt immer noch verbohrte „sogenannte“ Experten – ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, in der Schweiz, in Norwegen, UK, nein, nicht noch die WHO … – die das für, sagen wir mal „fragwürdig“ halten.

Aber die deutschen Experten haben sich besonnen. Für sie gilt jetzt: Maske auf! Wir haben uns getäuscht. Getäuscht!? Ach, wirklich. Sie sagten „Nein“, jetzt „Ja“. Mancher erklärt sich das so, dass die Masken ja einfach nicht zur Verfügung standen und die richtigen Masken für die wichtigen Dinge, in Kliniken – und leider nicht auch für Pflegeheime – reserviert werden sollten. Man glaubte also zu wissen, dass Masken gut sind, hatte es aber wegen der Knappheit der Masken geleugnet? Wir sind ja nicht doof – wir sind doch Experten, sagen manche – Ehrliche statt Dumme und dann doch Lügner? Das aber wäre eine klare Lüge gewesen (vorsätzlich das zu sagen, was man für falsch hält – man sehe und höre sich das Geeier von Fr. Experten-Prof. Dr. Brinkmann, ich verkneife mir jetzt die Anspielung …). Oder waren sie doch nur einfach doof, wollen das jetzt nicht so eingestehen und mussten politisch mal kurz wachgerüttelt werden – weil neue Erkenntnisse gab’s ja nicht – das gestehen ja eigentlich alle Neuberufenen ein.

Haben sie sich jetzt getäuscht oder haben sie gelogen und betrogen? Nehmen wir das Erste an. Aber Experten, die sich ständig täuschen brauchen wir auch wieder nicht. Vor allem dann, wenn sie sich beständig als die wahren Experten von den „sogenannten“ dadurch abheben wollen, dass sie echte Experten mit echtem „verlässlichem“ Wissen sind. Sie aber sagen: selber schuld. Niemand hat Euch gebeten uns zu glauben. Hätten Sie’s vielleicht selber nicht getan, wenn wir sie nicht vor Mikros und Kameras gezerrt hätten?

Ach ja, apropos: Kreuzimmunität. Das erklärt ja, warum die besten Experten 2008/2009 bestens falsch lagen und wir Laien das einfach nicht verstehen. Darauf war aber jetzt auch wieder keiner gekommen. Nun ja, nicht sofort. Langsam schon. Jetzt macht das die „zweite Welle“ zur leichten Erkältung. Wegen neuer wissenschaftlicher Studien? Nö, eigentlich nicht. Einfach so. Wir sind da jetzt drauf gekommen. Erstaunlich gell?! Ja, wir sind stolz auf Euch. Sind unsere Herzschrittmacher und unsere Auto-Piloten im Flugzeug eigentlich ähnlich verlässlich wie unsere Lockdown-Mechanik. Na dann, tief durchatmen – und vielleicht doch mal Platon lesen.

Die Links dieser Seite wurden zuletzt am 21.06.2020 überprüft.


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