Der Helden Wahnsinn

Der Selbstmord des Aias in der ältesten bekannten Darstellung dieses Motivs (um 600 v. Chr.) – Rekonstruktion eines Vasenbildes auf dem sogenannten Eurytios-Krater – (Wikimedia) –  Vergrößern

Aias, das ist der Name eines griechischen Helden der Troja-Sage. Homer gibt ihm in der Ilias bei der Vorstellung der Griechen im zweiten Buch (Schiffskatalog) einen Ehrentitel als besten Kämpfer der Danaer nach Achill. Der hatte sich grollend aus dem Kampf zurückgezogen und so konnte Aias glänzen: „Sicher der trefflichste Held war der Telamonier Aias, während Achilleus grollte; denn er war herrlich vor allen …“ (Il. II, 768f.) – (Ilias – Gesang – Vers – Die Übersetzung von Johann Heinrich Voß bei Zeno.org). Er überragt Odysseus und Diomedes, Menelaos und Agamemnon, und ist „an Wuchs und Taten der erste unter dem Danaervolk nach dem hochgemuteten Peliden“. Er tritt gegen Hektor an und schlägt sich dabei tapfer und ehrenvoll (Il. VII). Der Zweikampf, an dem das Schicksal der Griechen hängt und über den schließlich die Nacht hereinbricht, endet ehrenvoll im Unentschiedenen. Aias Kampf – und der Kampf um Troja – ist noch nicht zu Ende.

Beschützt von Hermes (links) und Athene (rechts) birgt Aias den Leichnam Achills – Wikimedia.

In der Ilias ist Aias der „Zweitbeste“ – der Beste nach Achill. Und auch Odysseus, der schließlich listig den Sieg der Griechen einleitet, spielt nicht die Hauptrolle. Es ist Achill und sein Zorn, der das Geschehen der Ilias bestimmt. Die Ilias wird das Ende des trojanischen Kriegs nicht berichten. Im vierundzwanzigsten Gesang, dem letzten der Ilias, versiegt der Zorn Achills ohne den Sieg der Griechen zu bringen. Mit Achills Zorn endet nicht nur die Ilias, sondern bald auch das Leben Achills. Nach dem Tod Hektors muss – so wurde ihm geweissagt – auch beinahe unverwundbare Achill sterben. Er wird im Kampf um Troja durch den tödlichen Pfeil sterben, den Paris abschießt und Apollon ins Ziel der empfindlichen Verse „schickt“. Seine Leiche wird von Odysseus, Menelaos und eben Aias gerettet. Dem Retter des Leichnams stehen die Waffen des Achills zu. Freilich ist nicht klar, wem die Ehre zukommen soll? Ein Schiedsgericht spricht sie dem Odysseus zu, der sich (vielleicht) listig besser in Szene setzen konnte. Dieses Urteil erachtet Aias für ungerecht, schmachvoll und ehrabschneidend. Das ist der Hintergrund für Sophokles Tragödie „Aias“.

Sophokles „Aias“

Sophokles – Wikimedia

Wenn Aias zum Held einer Tragödie bei Sophokles wird, dann können wir davon ausgehen, dass es mit ihm kein gutes Ende nimmt. Aias verfällt dem Wahnsinn und tötet sich durch eigene Hand. Menelaos und Agamemnon versagen ihm zunächst ein ehrenvolles Begräbnis. Durch die Fürsprache des Odysseus kann der Bruder den Bruder schließlich bestatten.

Mit Odysseus beginnt und endet die Tragödie um Aias. Auch er vollbringt Großes. Aber sein Ruhm gründet nicht in der Ilias. Mit Odysseus ist die List des Trojanischen Pferds verbunden, die schließlich zum Fall Trojas führt als der Krieg der alten Männer fast schon zu ersterben droht. Zunächst Mitstreiter im Kampf um Troja wird Odysseus Aias zum verhassten Gegenspieler als Odysseus der Ehrenpreis bei der Rettung von Achills Leichnam zugesprochen wird. Odysseus wird schließlich der sein, der Aias freigibt und uns „Nachgeborenen“ damit eine Lehre erteilt.

In der ersten Szene schleicht Odysseus um das Lager des Aias. Die unsichtbare Athene spricht ihn an: „Du Sohn Laertes‘, immer wieder seh‘ ich dich zu raschem Anschlag gegen Feinde auf der Jagd. Auch jetzt gewahr‘ ich, wie du bei dem Schiffsgezelt von Aias, der die letzte Reihe innehat, schon lang umherschleichst jägergleich und seine frisch getretenen Spuren prüfst …“ (1ff) – (Sophokles: Aias mit Versangabe – Die zweisprachige Ausgabe mit der Übersetzung Hartung bei Google Books eine frei bearbeitete »Nachdichtung« von Fritz Pichler bei The Archive.)

Odysseus gesteht, dass er bei Aias Lager auf einen Feind zu treffen fürchtet: „Ja, du hast recht erkannt: um einen Gegner kreist mein Schritt auch jetzt, um Aias mit dem Ehrenschild. Hat er doch diese Nacht ein unbegreiflich Werk an uns verübt, wenn wirklich er der Täter war.“(19ff.)

Das „unbegreifliche Werk“ des Aias ist so unglaublich, dass es der mehrstimmigen Bestätigung bedarf und gleich mehrfach aus unterschiedlicher Perspektive berichtet wird (von Athene, von Aias selbst, seiner Frau und natürlich dem Chor): „Wahnsinnig“ richtet sich Aias Zorn gegen die Griechen selbst: Der Maxime „Einer gegen alle“ folgend will er seine schlafenden Mitstreiter in ihrem Lager abschlachten. Freilich verwechselt er sie mit dem erbeuteten Vieh, metzelt die Tiere nieder und hängt den größten Widder, den er für Odysseus hält, lebend in seinem Zelt auf, um ihn qualvoll zu Tode zu martern. Odysseus, dem dieser Wahnsinn des Aias vorgeführt wird, gibt ihm eine „menschliche“ Bedeutung, die über Aias hinaus und ins Zentrum der sophokleischen Tragödie führt: „… bedauern muss ich ihn, den ganz Unseligen, wie sehr er mich auch hasst, weil er so schlimm verstrickt in der Verblendung ist.“ (122ff.)

Aias Verblendung ist sein Geschick, es folgt aus seinem Wesen. Es erschließt sich zum einen mit (Rück-) Blick auf drei Szenen der Ilias, die ihn als einen großen Kämpfer zeigen, dessen glanzvolle Taten ihm selbst aber nicht zum Strahlen bringen. Ihm bleibt bei allen Heldentaten die Anerkennung versagt, nach der er lechzt.

Aias Heldentaten

Die Ilias zeigt uns Aias z.B. als Odysseus Lebensretter.Als dieser, von den feindlichen Troern umzingelt, schon verloren scheint, kommt ihm Aias zu Hilfe: „Göttlicher Aias Telamonides, Anführer der Salamiter – ich hab grade den Hilferuf unsres Odysseus gehört … komm, schauen wir, wo er ist und eilen ihm zu Hilfe … Und schon lief er los, der große Aias, ein Mann wie ein Gott hinter ihm her … .“ Während Aias die anstürmenden Troer zurückschlägt, bringt Menelaos den verletzten Odysseus zurück ins Lager: „Aias jedoch – der warf sich auf die Troianer … wie ein von Zeus‘ Winterregen angeschwollener Strom, der aus dem Gebirge herab in die flache Ebene rauscht und dabei zahllose trockene Eichen und morsche Kiefern mit sich reißt und sie als Treibholz ins Meer schwemmt – eine solche Verwüstung richtete Aias am Schlachtfeld an; er jagte Männer wie Pferde vor sich her und hieb sie um.“ (Il. XI, 465ff.) Menelaos rettet, Aias trägt zur Rettung bei. Fürs Finale der „Champions League“ der Helden würde das bedeuten: Aias hat den Ball erkämpft und den Pass gespielt, Menelaos schiebt die Kugel über die Linie und wird auf der Stadiontafel mit dem Siegtor geführt.

Ganz ähnlich bei einem anderen Heldenstück des Aias aus der Ilias, das dem strittigen Fall um Achills Waffen sehr ähnlich ist. Hier geht es um die Rettung des toten Patrokles, bei der er sich besonders auszeichnet: „Aias aber schützte Patroklos mit seinem hohen Schild; er stellte sich breitbeinig über den Leichnam wie ein Löwin über ihre Jungen, wenn sie mit ihnen aus dem Gebüsch bricht und vor sich die Jäger auftauchen sieht – fauchend vor Zorn…“ (Il, XVII, 131ff) Am Ende schleppt Menelaos den Leichnam unter dem Schutz des Aias zurück ins griechische Lager. Aias zeichnet sich wie immer aus – durch Abwehrkampf. Er schafft Möglichkeiten, die andere nutzen (können).

Beim Trojanischen Vorstoß aufs griechische Lager hält er dem Ansturm stand und sichert so die Verteidigung der Schiffe: „So störrisch wie ein Esel, der einfach in ein Weizenfeld hineintrottet, obschon ihn die Burschen, die ihn treiben mit Schlägen traktieren – sie hauen jedoch an ihm bloß ihre Stöcke entzwei, während er einfach weiter das hohe Korn abweidet – was sollen sie machen? … Genauso stachen die stolzen Troer … mit ihren Speeren auf Aias Schildbuckel ein und ein paarmal fuhr er herum, helle Wut auflodernd in ihm, um sie wieder in ihre Reihen zu treiben; sonst aber ging er sturheil weiter – denn egal wo sie angriffen – er hielt stand …“ (Il. XI, 555ff)

Die Homersche Ilias zeigt uns Aias als „einen alles mitreißenden Strom“ gewaltiger Kräfte, der so sehr einer „fauchenden Löwin“ gleicht wie einem „sturen Esel“. Und doch werden seine Taten nicht recht gewürdigt. Es sind Rückzugs- und Sicherungsgefechte, die er meistert. Sein Aus- und Standhalten gibt Handlungsmöglichkeiten, die andere nutzen. Helden geben Raum für Großes. Sie sind „Helfer“ und sind ausgerichtet auf ein Ziel, das über ihre Tat hinaus reicht und ihnen von „außen“ gegeben ist. Wenn sich das Heldische auf sich selbst stützt, wenn es das Große aus sich gewinnen und selbst groß sein will, beginnt die Hybris und der Wahnsinn.

Aias Schmach

Als Aias zu Bewusstsein kommt und „von der Krankheit sich erholt, wird er von bittrem Gram gepeinigt ganz und gar“. (274f.) Er sieht, was er getan und damit seine Schmach: „Welch Hohngelächter! Wie bin ich mit Schmach bedeckt!

Auch im „Erwachen“ entgeht er nicht der „Verblendung“. Des eigenen Wahnsinns gegenwärtig bleibt er in ihm gefangen. Er sieht sich als Opfer einer „Verschwörung“: „Nun hat die Jungfrau-Göttin mit dem Schreckensblick mich der ich meine Hand schon gegen jene hob, mit blinder Raserei umstrickt und irrgeführt, das ich die Hände taucht‘ in dieser Tiere Blut, und jene sind entkommen gegen meinen Wunsch, verlachen mich und spotten.“ (400ff.) Wie würden wir ihn sehen, hätte er die Griechen tatsächlich töten und Odysseus massakrieren können? Wäre er dann ein Held? Zur Rettung welchen Guts?

Tatsächlich stellt Aias sich nicht seiner „Schuld“ und das heißt, er erkennt sich nicht in seinem (Un-)Wesen. Aias „Schuld“ (ἁμαρτία) ist kein moralisches Vergehen, es ist eine Form der Blindheit gegens eigene Dasein, die zu seinem Wesen gehört. Wäre er durch Athene verleitet – oder mißbraucht – es wäre weder schuldhaft noch tragisch. Seine Verblendung ist nicht die Wirkung Athenes. Sie gründet in seinem Wesen. Seine „Schuld“ ist sein Wesen und zeigt sich in seinem Jammer: „denn selbstverschuldetes Unheil sehn, an dem kein anderer Anteil hat, bereitet unsagbaren Jammer“. (261ff.)

Aus dem Helden der großen Tat der er sein will, sieht er sich nun als Held des großen Leidens. „Ai ai“, das sind Schmerzens-, Klageschreie wie sie einem großen Helden wie Aias gar nicht zuzukommen scheinen. Nun will er darin eine auferlegte Bestimmung sehen: „Ai ai! Wer glaubte je, mein Name werde so zu meinem Leide stimmen, wie dafür gewählt.

Wesensschau

Seine „Schuld“ greift tiefer als seine Vernichtungsphantasien gegenüber den Freunden. Sie bringen zur Erscheinung, was er ist und gründen in seinem Wesen. Wie es um Aias steht, erfahren wir vom Seher Kalchas. Tatsächlich ist alles vorhersehbar – es liegt im Wesen der Sache. Seher-Wissen ist Wesensschau.

Alles steht von Anfang an fest. Aias wird an sich selbst scheitern. Sein Weg ist selbstzerstörerisch und wird im Selbstmord enden. Sophokles zeigt uns nicht die kritische Entscheidung für den Selbstmord, das überlegende und erwägenden Sich-Durchringen zur Entscheidung einer Person (wie wir das aus dem „modernem“ Trauerspiel z.B. in Lessings Emilia Galotti oder den „Leiden des jungen Werther“ kennen). Die Tragödie zeigt die Entfaltung der Wesenskräfte, der Aias unterliegt. Es bringt nur das Wesen der „Sache“ zur Erscheinung, nämlich die zur Vernichtung bestimmte Selbstbestimmung des Heldischen.

Der Anfang setzt das Ende: was ihn ursprünglich „ausmacht“, sein Wesen, bestimmt sein Ende. Das Wesen, griechisch: τὸ τί ἦν εἶναι (lat. quod quid erat esse; engl. ‘what it is to be what it wasʼ) ist „das, was es war, sein“, das Sein aus seinem ureigensten „Grund“. Wie’s gewesen ist so wird es (zukünftig) gewesen sein. Das Wesen als die Ge-wesen-heit und das Ge-wesen-sein-Werdende ist der (immer schon) prägende Grund des Seienden, das sich zeigt. Das Wesen ist das Prinzip der Zukunft.

Was Aias ausmacht wird uns von Sophokles in zwei kurzen Rückblenden nahegebracht. Aias will sich auszeichnen. Er will – wie alle Griechen – siegen, ruhmreich und glanzvoll. Doch der Vater rät ihm beim Aufbruch, „im Kampf trachte zu siegen, doch zu siegen mit Gott!“ Aias „versetzte darauf prahlerisch im Unverstand: Vater, mit Göttern trägt wohl auch der Nichtigste den Sieg im Kampf davon. Ich aber bin gewiß: ich reiße diesen Ruhm an mich auch ohne sie. So prahlten seine Worte“. (757ff.)

Und als Athene ihm ihren Beistand im Kampf gegen die Troer versichert, entgegnet er ihr „mit unglaublich dreistem Wort“: „Herrin, den übrigen Argeiern stehe bei! Bei mir und bei den Meinen bricht der Feind nicht durch. Durch solche Reden zog er sich den grimmen Zorn der Göttin zu, weil er nicht dachte wie ein Mensch.

Immer hat Aias danach getrachtet „groß“ zu werden, ein echter Held zu sein. Darin liegt sein Verhängnis.

In der „späteren“ Philosophie werden Ruhm und Ehre als Strebensziele kritisiert und ethisch eingeordnet. Gleiches gilt für die Lust, die wir alle zu erstreben scheinen. Lust aber ist kein (vernünftiges) Ziel. Nicht weil es „unmoralisch“ wäre, die eigene Befindlichkeit über die der anderen zu stellen. Lust kann aus sich selbst kein erstrebenswertes Gut sein, weil sie sich immer erst einstellt, wenn wir erstrebte Güter erlangen: sie ist Lust „an etwas“ oder „bei etwas“ und selbst kein Strebensziel. Ein Streben nach Lust ist die Entwertung der Güter. Sie fällt ins Nichtige. Gleiches gilt für Ruhm und Ehre, denen Aias nachstrebt.

Dem Helden muss es um die Sache gehen und nicht um sich. Groß wird er an und durch die Sache, auf die er sich richtet und die er besorgt. Wer Großes leisten will und es durch sich selbst zu erlangen glaubt, der verfällt. Wer ein Held sein will, vergeht sich.

Dem Heldem, dem es ums eigene Heldendasein geht, können wir – in Anlehnung an Freud – narzisstisch nennen. Der Narzissmus hat danach „die Bedeutung einer Perversion“, einer Umwendung der natürlichen („libidinösen“) Ausrichtung auf ein Objekt, ein Gut. Narzissisten zeigen zwei „fundamentale Charakterzüge“: „den Größenwahn und die Abwendung ihres Interesses von der Außenwelt (Personen und Dingen)“. „Infolge der letzteren Veränderung entziehen sie sich der Beeinflussung“ oder Heilung und „werden für unsere Bemühungen unheilbar“ (S. Freud, Zur Einführung des Narzißmus von 1914). Wer „äußeren“ Güter nicht mehr zugänglich ist, nämlich anderen als sich selbst und seiner Selbsterhaltung, der hat alles andere als sich selbst entwertet. Er liebt vor allem sich selbst. Er ist in sich verschlossen.

Aias ist kein „modernes Selbst“, keine „moderne“ Person, die mit sich, ihren Wünschen und Neigungen, ihre Verpflichtungen durch sich und andere ringt. Sein „Narzissmus“ ist keine Krankheit, die ihn befällt. Alles steht von Anfang an fest. Aias Ende ist ihm ursprünglich mitgegeben, ihm wesenseigen. Was er leidet, ist er selbst. Seine Geschichte ist sein Wesen. Das macht das Tragische aus.

Sein Wesen ist das Aufbegehren gegen die Ordnung und dieser Aufstand der Hybris ist tödlich. Der Wahnsinn, der ihn befällt, ist sein entfaltetes Wesen. Aias Dasein ist contra naturam, ein Abwenden von den Güter, die dem Menschen als erstrebenswerte gegeben sind. Es ist ein Zurückwenden auf sich und Abwenden von der intentio numine. Die Götter sind keine bösen Kräfte, die einen „unschuldigen“ Helden vernichten. Das müssen die Götter bestrafen. „Denn unverständig überhebliche Sinnesart versinkt durch Götterwillen tief im Mißgeschick, … wenn ein Mensch, nach Menschart geschaffen, über Menschenmaß hinaus sich dünkt“.

Aias Untergang

Aias, unbändig, ein Riese an Kraft, er liegt nun, gefällt vom düstern Sturme des Wahnsinns“, der er selbst ist. Aias Wesen treibt dem Untergang entgegen.

Was bleibt Aias zu tun? Rückzug? Flucht? Sich der Sicht entziehen, die doch die eigene ist? „Verlaß ich die Atriden und den Ankerplatz und fahre heimwärts über das Ägäische Meer? Wi schlag‘ ich dann vor meinem Vater Telamon die Augen auf? Wie wird er es ertragen, wenn er mich erblickt: entblößt von jedem Siegespreis, indes er selbst den höchsten Kranz des Ruhms empfing? Das ist nicht zu ertragen…“ (460ff)

Er erwägt auch, sich Troja alleine einzunehmen – wieder der Maxime „Einer gegen alle“ folgend. Wäre das nicht ruhmvoll? Und wahrlich aller Ehren wert? Nun ja. Natürlich geht er – von seiner Heldenverblendung verwirrt – im Wahn davon aus, dass solche eine „Wahnsinnstat“ einen kriegsentscheidenden Erfolg bringen würde: „Doch sollt‘ ich den Atriden dies zuliebe tun? Das darf nicht sein!“ (468f.) Er hat sich von der gemeinsamen Sache völlig entfernt – nichts kann ihm gut gelten, was den Griechen nützen könnte.

Er sucht nach etwas Anderem, etwas Großem, einem großen „Probestück“ seines Heldentums: er hat nur ein Ziel „dem alten Vater zeigen, dass ich sein Sohn nicht feige, nicht entartet bin“. (470f.) Sein „Meisterstück“, das Meisterstück des Helden, ist die Selbstvernichtung, der eigene Tod. Das schafft sich in Aias Raum. Sein Wesen gibt ihm das Ziel: „Rühmlich zu leben oder rühmlich tot zu sein.

Denn Schmach ist’s, wenn ein Mann sich langes Leben wünscht, der unabänderlich verstrickt in Unheil ist.“ (473f.) – Verstrickt ins „Unheil“ seines Wahns, erzwingt sein Wesen seinen Tod.

Ich muss entehrt durch die Argeier untergehn!“ Anerkennung und Ehrerbietung sucht er von denen, den „Gemeinen“, die er zu überragen versucht. Ehre und Ruhm bringen Aias in die Abhängigkeit von dem, was er flieht.

Entehrt, weil sie ihm den Ehrenlohn versagen, verfällt der Held in den ihm eigenen Wahn, der „Idiotie“ seines Einzel-Daseins, die sich in seinen Vernichtungsphantasien zeigt. Der große Held verfällt dem Wahnsinn. Solche (falschen) Helden sind Verblendete.

Aias kann in der gemeinsamen Welt nicht (mehr) leben. Die gemeinsame Welt, das ist ihm nur die Welt der Gemeinen, die seine Taten nicht würdigen. Das ist die durch Götter getragene Ordnung, in die der Mensch als soziales Wesen eingelassen ist und die ihn ausmacht. Er sucht die Anerkennung der Gemeinen, indem er sie verstößt und auszulöschen sucht. Er wendet sich ab in die Einzigkeit seiner Existenz, die er nur durch Andere erhalten kann. Wer dem Club nicht beitreten will, der ihn aufnimmt, weil er ihm zugehört, der verachtet die Ordnung und damit die Götter.

Aias ist a-sozial und gottfern. Die Ziele, die ihm gesetzt sind, entwertet er. Er verfolgt sie, weil sie ihm Größe verheißen, nicht weil sie groß sind. Er kämpft gegen das, was ihn ausmacht. Er folgt seinem Geschick, „ein Geschick, das gleich ist dem Tod“ (215)

Die Verwesung des Helden

Mit seinem Tod und der Selbstvernichtung des Helden könnte die Tragödie um Aias enden. Sophokles lässt ihm freilich den Streit um das Begräbnis des Toten folgen. Aias Frau und vor allem sein Bruder bemühen sich um eine „ehrenhafte“ Bestattung. Die wird Aias durch Agamennon und Menelaos verweigert. Erst nach dem Einsatz des dem Aias verhassten Odysseus gibt Agamemnon Aias zur Bestattung frei.

Es gibt gute Gründe für Menelaos und Agamemnon ihm ein ehrenhaftes Begräbnis zu versagen. Aias hat die alten Freunde zu Feinden erklärt und wollte sie auslöschen. Aias hat sich zum Feind erklärt, dem nichts Gutes zukommen kann. Dem Feind kann man nicht gut sein. Es hieße das Gute den Feinden zu übergeben, sich dem Guten feindlich zeigen und es auf die Seite der Feinde stellen.

Die ethische Überlegung gründet in einer „ontologischen“, im Wesen des Aias selbst. Der sich von der Ordnung des Gemeinwesen, der Güter und Götter lösende Held, der sich auf sich selbst zu stellen trachtet, scheitert. Das sich selbst wollende Helden-Dasein scheitert an seinem eigenen Wesen. Es ist Selbstvernichtung. Die selbstlose Tat um ihrer selbst willen, scheitert an ihrer Nichtigkeit. Aus dem Sumpf der Selbstbestimmung vermag sich der Un-zu-gehörige nicht zu ziehen. Er versinkt ins Nichts.

Nicht die Vereinzelung in modernem Verständnis des vereinzelten Subjekts ist das Tragische – es ist die Isolierung von Kräften aus ihrem Zusammenhang. Kraft ist nur im Wirken von Kräften.

Aias ist von einer Kraft eingenommen und durch den Daimon seines Wesens bestimmt. Die Tragödie bringt das in ihm Verschlossene zur Ansicht und in die Helle. Es verweist auf das Göttliche, das in der Begrenzung des menschlichen Daseins eingeschlossen ist und nun sichtbar wird. Menschliches Dasein ist Ek-sistenz. Es weist über sich hinaus und aus diesem Überschreiten des eigenen Daseins zeigt sich Göttliches – im „Zusammenspiel“ der Kräfte. Tapferkeit zielt auf Güter, die es furchtlos zu bewahren gilt. Die Tapferkeit lebt nicht aus sich. Es ist der Dämon der Tapferkeit, der sich in Aias zeigt. Dämonisch, nicht göttlich ist sie, wenn sie sich nicht in die Ordnung fügt und mit Gerechtigkeit und besonnener Klugheit ein harmonisches Ganzes bildet. Auch die Götter können für sich nicht sein. Sie brauchen einander und sind in ihrem Wesen aufeinander bezogen und aneinandergebunden. Das ist der Sinn der Theogonie.

Aias gehört den Vögeln und Hunden, den Verwesungskräften der uninspirierten Welt, weil ihm die Inspiration durch die Götter und ihre Güter nicht (mehr) zugänglich ist, er ihnen nicht mehr zugehört. Sein Wesen ist Verwesung.

Odysseus List

Aias ist ein uneinsichtiger Held, der in der Verblendung der Selbstbestimmung, zum Kern seines Wesens gelangt. Noch sein „Ausweg“, der Selbstmord, zeugt von seinem Wahnsinns-Wesen: er glaubt seine Ehre durch eigenes Tun zu retten. Nicht Aias kommt zur Einsicht. Sein Wesenskampf schafft Raum für unsere Einsicht – – wir Zuschauer (und Leser) sind es, die an diesem Verwesungsbrand erleuchtet werden.

Der Held hat ein Ende, alles Heldische ist begrenzt. Darin liegt die Möglichkeit der Versöhnung. Was Aias Dasein bestimmt, bestimmt nicht das menschliche. Helden sind Verblendete. Wir können (und dürfen) nicht nur Helden sein. Wir sind mit anderen in einer sozialen Welt über sie hinaus. Darin liegt die Erkenntnis, die wir (lesenden) „Theoretiker“ aus Aias gewinnen.

Aias Handeln ist keine „freie“ Tat, die seine Freiheit rettet. Sein Handeln ist Verhängnis. Gucken wir nochmals auf Aias als einen Spieler der „Champions League“ der großen Helden, der z.B. glaubt, das Siegtor müsse ihm zugerechnet werden und der nun völlig aus der Bahn geworfen wird, weil es (fälschlicher Weise) einem anderen zugeschrieben wird, der sich gar vornimmt, die Schuldigen (Vertreter der fake news Medien und ihre Helfershelfer) qualvoll auszurotten? Krank? Irre? Wir könnten nichts von ihm lernen – nur über die Kräfte seines Wahnsinns.

Aias bleibt noch in seinem Tod, in seiner letzten Tat abhängig von andern. Sie gewähren ihm, was er nicht „verdient“ hat, weil er es nicht erwirken konnte. Die Gunst, die ihm zu Teil wird, hat er nicht ehrenvoll erworben.

Wie unversöhnt Aias ist, zeigt eine Szene aus der Odyssee, die Sophokles natürlich kannte. Odysseus begegnet Aias im Hades: „Einzig blieb nur die Seele des Telamoniers Aias abseits stehen, von Groll noch erfüllt, weil ich bei den Schiffen, als um Achilleus‘ Waffen der Streit ging, kraft eines Rechtspruchs siegend gewann.“ Odysseus wünscht sich, „hätte doch ich nicht gesiegt im Streit von solcher Bedeutung! Diese Waffen! Ihretwegen deckt ja die Erde so ein Haupt, den Aias, der anderen Danaer Vorbild.“ Die flehentliche Bitte um Versöhnung geht ins Leere. „Aias, Sohn des trefflichen Telamon, willst Du denn gar nicht, selbst nicht im Tod, Deinen Groll nun vergessen wegen der Waffen, dieser verfluchten, durch die den Argeiern die Götter nur Unheil stifteten? Denn Du warst wie ihr Turm und bist nun verloren. Deinen Tod doch betrauern seither wir Achaier gerade so wie das Haupt des Peliden Achilleus…Also sprach ich, doch er erwiderte gar nichts und ging dann hinter anderen Seelen der abgeschiedenen Toten weg in die Tiefe und grollte; …“ (Od. XI, 543ff.)

Gerade Odysseus als der große Widersacher gibt ihn bei Sophokles am Ende frei. Die Toten sind in einer anderen Welt, in die wir sie freilassen können. Sie sind uns entzogen – und das sollten wir anerkennen. Sich diesem Entzug zu widersetzen, würde neues Unheil heraufbeschwören. Es wäre nur die Kehrseite von Aias Hybris. Sie freigebend sein zu lassen, darin liegt die Anerkennung der eigenen Grenze.

Odysseus bestimmt das Geschick Aias. Er grenzt ihn ein, definiert ihn aus einer Sicht, die über ihn hinaus reicht. Was heldische Tapferkeit ausmacht, ergibt sich aus der „harmonischen“ Zusammenstimmung mit anderen „Elementarkräften“. „Harmonische Zusammenstimmung“ ist ein hilfloser Ausdruck, das Gemeinte zu sagen. Nicht nur weil „Harmonie“ ja Zusammenstimmung meint. Der entscheidende Unterschied eines „harmonistischen“, modern-romantischen Blicks auf das „Zusammenspiel“ zu der antiken Sicht ist die (gewaltsame) Notwendigkeit eines Wesensgefüges, eines Kampfes oder Widerstreits, der sich zu einem kosmischen Ganzen fügt.

Zu Beginn der Tragödie hatte Odysseus mit Blick auf Aias und sein „unbegreifliches Werk“ gesagt: „bedauern muss ich ihn, den ganz Unseligen, wie sehr er mich auch hasst, weil er so schlimm verstrickt in der Verblendung ist.“ Und hinzugefügt:“Hierin erkenn‘ ich sein Geschick so gut wie meins: seh‘ ich doch, dass wir gar nichts andres sind, soviel wir leben, als ein Schein und flüchtiger Schatte nur“ (123ff.) Für diese „besonnene“ Einsicht wird er von Athene gelobt und darin liegt die „Aufhebung“ des Aias-Geschicks ins menschliche Dasein: „Den Besonnenen lieben die Götter, und den Frevler hassen sie.“ (133)

Auch Odysseus List ist keine individuelle Auszeichnung etwa der Kraft des Verzeihens. Sie ist ein Sich-Einfügen, das dem Verzeihen seine Kraft gibt. Falsch leben heißt, auf sich selbst gestellt sein wollen – als Mensch und als Menschheit. Wer den Aias heute liest und zu verstehen sucht, der muss sich einlassen auf eine Welt, die sich auf Kräfte beruft, die über unser Selbstbeherrschung hinausreichen. Später wird die Philosophie von der Aufgabe sprechen, die Kraftquellen im Menschen zu harmonisieren oder den Menschen mit Gott im Denken zu vereinigen. Die Erkenntnis (ἀναγνώρισις), die sich in der Tragödie nahelegt, ist keine des Aias, sondern eine des „Theoretikers“, des Zuschauers bzw. des beobachtenden Lesers der Tragödie. In Aias vermögen wir die Hybris zu erkennen, der wir zu entkommen suchen.

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